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Investition Weiterbildung: Ein Fachübersetzer lernt nie aus

Wenn einer das Produkt nicht auch inhaltlich versteht, dann wird er sich auch schwertun, das zu übersetzen.

Ständige Weiterbildung ist für Übersetzerinnen und Übersetzer unabdingbar, um immer auf dem neuesten Wissensstand zu bleiben. Viele Berufsorganisationen und selbständige Fachleute bieten Weiterbildungen an. Einer davon ist Holker Schuster, der seine Erfahrung aus über 25 Jahren in der Finanzbranche und über 10 Jahren in der Sprachdienstleistungsindustrie in Seminaren weitergibt.

Lesen Sie im Interview, was die Herausforderungen für Übersetzerinnen und Übersetzer sind und wie sie sich für Fachübersetzungen fit halten können.

Wie sind Sie zum Übersetzungsbusiness gekommen?

Als ich in der 7. Klasse war, verbrachten wir einen Urlaub in Cattolica auf dem Campingplatz. Da trafen wir Engländer mit einem Boot und Wasserskis. Mich faszinierte das. Mein Vater sagte zu mir, «du kannst ja ein bisschen Englisch. Jetzt sprich sie halt an. Vielleicht lassen sie dich auch mal Wasserski fahren.» Da ist für mich der Knoten geplatzt. Ich habe Freude daran gefunden, über die Fremdsprache an andere Menschen heranzukommen.

Schon im Laufe des Studiums reifte in mir der Wunsch, die Sprachen mit einer Fachausbildung zu kombinieren. Ich entschied mich damals ganz bewusst für die Bank, weil ich den Eindruck hatte, dass man als Banker leichter in die Industrie wechseln konnte als umgekehrt. Heute ist das auch in die andere Richtung möglich.

Nach 20 Jahren im Bankwesen stiess ich auf ein Stellenangebot von CLS, das mich nicht ruhen liess. Ich begann dort allerdings nicht als Übersetzer, sondern als Associate Partner. In der Anfangsphase coachte ich die Deutschgruppe fachlich und fachsprachlich und unterstützte die Qualitätssicherung von Finanzübersetzungen. Und da entstand der Gedanke für die Seminare, die ich heute noch anbiete.

Meine Finanzseminare folgen einem ganzheitlichen Konzept, das genau die Bedürfnisse abdeckt, die ein Übersetzer/Dolmetscher hat, der neu ins Finanzwesen einsteigt. Gleichermassen profitieren davon aber auch Teilnehmende, die ihre Kenntnisse auffrischen oder erweitern möchten.

Wo sehen Sie die Hauptherausforderungen für Fachübersetzer/Dolmetscher?

Wissen, worum es eigentlich geht, also das Verständnis der Konzepte. Ich habe nach Seminaren schon Feedbacks bekommen, wie «Vielen Dank, jetzt weiss ich endlich mal, was das bedeutet, was ich da jeden Tag übersetzt habe.»

Das können ganz banale Dinge sein, wie z. B. der Unterschied zwischen Rücklagen und Rückstellungen. Rücklagen gelten in der Bilanz als Eigenkapital und Rückstellungen als Fremdkapital. Beide dienen unterschiedlichen Zwecken. Das heisst, man muss die Konzepte verstehen und inhaltlich nachvollziehen können.

Das gilt eigentlich für viele Fachgebiete. Wenn einer in der Pharma das Produkt oder Covid nicht auch inhaltlich versteht, dann wird er sich auch schwertun, das zu übersetzen.

Was macht man, wenn man den Inhalt nicht versteht? Wie geht man vor?

Man kann beispielsweise einen Begriff googeln und versuchen, Definitionen zu finden. Wobei ich mich nicht einfach auf das erste Ergebnis verlasse. Ich mache eine ganze Reihe von Querchecks und versuche über muttersprachliche Webseiten das Ergebnis zu verifizieren. Und wenn das dann plausibel klingt und Deckungsgleichheit erkennbar ist, dann kann ich relativ sicher sein, dass ich richtig liege.

Oder man ruft schlichtweg mal einen befreundeten oder bekannten Fachmann an. Ich scheue mich auch nicht zuzugeben, dass ich etwas nicht weiss. Das ist doch natürlich, dass jeder irgendwo seine Lücken hat und dazulernen muss und will.

So kann sich ein Übersetzer auch auszeichnen, indem er nicht einfach versucht, etwas zu übersetzen, ohne genau zu wissen, was gemeint ist, sondern nachfragt und möglicherweise damit beim Kunden auch noch einen Pluspunkt reinholt.

Wenn man die Grundlagen einmal hat, wie kann man sich dann fit halten?

Wenn man den Gesamtüberblick hat, kann man sagen: «ein Teilthema interessiert mich nicht oder ein anderes Teilthema interessiert mich.» Dann kann man dieses in den weiteren Seminaren vertiefen. Das ist genau das Konzept, das ich verfolge.

Man kann Auffrischungsseminare machen, weil sich ja auch permanent vieles verändert und weiterentwickelt. Es gehört aber auch regelmässige Lektüre dazu, und zwar sowohl in Deutsch als auch in der jeweiligen Fremdsprache, in der man tätig ist.

Als sehr hilfreich erweisen sich oftmals Newsletter. Jemand, der im Bereich Investmentfonds tätig ist, braucht z. B. bloss den Newsletter vom Fondsverband zu abonnieren. Da kriegt er regelmässig die neusten Entwicklungen am Fondsmarkt präsentiert. Das ist eine einfache Methode, wie man sein Wissen aktualisieren kann und es kostet nichts.

Ist das Übersetzen für Fintechs anders im Vergleich zu klassischen Banken?

Grundsätzlich ist natürlich die Terminologie weitgehend die gleiche und wird auch ähnlich angewandt. Doch Fintechs entwickeln zusätzlich neue Konzepte.

Einer meiner früheren Kunden hat zum Beispiel eine Lösung entwickelt, wie bei der Erstellung und Verwaltung von Bankgarantien bestehende beleghafte Prozesses digitalisiert und somit völlig papierlos abgewickelt werden können.

Ein anderes Beispiel ist die Nutzung der Blockchain-Technologie bei der Handelsfinanzierung.

Das sind neue Technologien, die auch für Übersetzer/Dolmetscher eine Herausforderung darstellen, sich mit einem neuen Konzept und damit verbundener neuer Terminologie vertraut zu machen.

Holker Schuster ist staatlich geprüfter Übersetzer für Französisch und Spanisch. Nach dem Übersetzerstudium durchlief er bei der Commerzbank eine Ausbildung zum Bankkaufmann. Das Bankfachwissen aus über 25 Jahren in verschiedenen Positionen konnte er nach seinem Wechsel in die Sprachdienstleistungsindustrie erfolgreich nutzen und weitergeben. In seiner Tätigkeit für verschiedene Sprachdienstleister entwickelte er Ausbildungskonzepte und Seminare für Finanzübersetzer und Dolmetscher. Auf diesen Konzepten basieren die Seminare, die er nun auch seit seiner Pensionierung freiberuflich anbietet. Die Seminarreihe besteht aktuell aus einem Grundlagenteil und drei darauf aufbauenden Vertiefungsmodulen zu den Themen «Aussenhandel», «Finanzierung und Investment» und «Investmentfonds». Holker Schuster führt auch Weiterbildungen im Auftrag von Berufsvereinigungen wie dem BDÜ, der ASTTI, der SFT sowie an der ZHAW durch. Alle Informationen finden Sie unter: www.holker-s.com

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