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So geht Voiceover: Wie Disneyfiguren zum Leben erweckt werden

Seit fast einem Jahrhundert verzaubert Disney mit seinen Filmen Kinder und Erwachsene gleichermassen – wie gerade erst wieder mit seinem neuesten Hit Encanto. Doch haben Sie sich jemals gefragt, wer die animierten Figuren in Ihrer Sprache zum Leben erweckt und wie? Mit der Synchronsprecherin Akuvi haben wir einen Blick hinter die Kulissen der Voiceover-Arbeit geworfen. In der norwegischen Sprachfassung von Encanto leiht sie der Figur Dolores ihre Stimme.

Akuvi, du bist die norwegische Synchronsprecherin für Dolores im neuesten Disney-Film «Encanto». Kannst du uns ein wenig mehr über deinen Hintergrund erzählen? Wie bist du zur Voiceover-Arbeit gekommen?

Ehrlich gesagt bin ich selbst immer noch ein wenig überrascht, dass ich jetzt Synchronsprecherin bin. Es war mehr oder weniger Zufall. Ich bin Künstlerin und Songwriterin ghanaischer und norwegischer Herkunft. Seit etwa fünf Jahren bin ich in der Musikbranche aktiv, zwei davon in Norwegen. Auch als Sängerin habe ich viele Jahre Bühnen- und Studioerfahrung. Alles, was Musik und Tanz angeht, habe ich mir selber beigebracht. Meine ältere Schwester ist aber professionelle Sängerin und Schauspielerin. Sie arbeitet schon seit über zehn Jahren als Synchronsprecherin. Ich habe sie immer bewundert und gedacht, es muss ein Riesenspass sein, die eigene Stimme einzusetzen, um animierte Figuren zum Leben zu erwecken. Irgendwann hat sie meinen Namen beim Tonstudio erwähnt und von meiner künstlerischen Tätigkeit erzählt.

Dort suchten sie dann eines Tages jemanden, der ein wenig jünger war als meine Schwester und die passende Stimme und Energie für eine etwas ausgefallene Figur in einer neuen Animationsserie für Kinder hatte. Sie wussten, dass ich als Sängerin arbeite und riefen mich zum Casting.

Um eine Rolle zu erhalten, muss man ins Studio kommen und eine «Sprechprobe» abgeben. Das Studio sammelt dann alle diese Sprechproben und schickt sie an den Kunden. Dieser entscheidet, wer für die Rolle geeignet ist und am besten zum Original passt. Ich habe mich schon allein darüber gefreut, dass ich zu einer Sprechprobe eingeladen wurde, und hatte überhaupt keine grossen Erwartungen. Die Sprechprobe hat Spass gemacht, war aber auch ziemlich anspruchsvoll. Ein paar Monate später erhielt ich den Bescheid, dass ich die Rolle von Dolores bekommen hatte! Seitdem bin ich auch als Synchronsprecherin für andere Rollen gebucht worden, meist für Figuren, die auch singen.

Könntest du für diejenigen, die nicht mit dem Prozess des Synchronsprechens vertraut sind, erklären, was im Studio oder auch schon vorher vor sich geht?

Der ganze Prozess ist sehr intuitiv und intensiv. Nach meiner bisherigen Erfahrung habe ich noch nie ein Skript oder Drehbuch im Voraus zugeschickt bekommen. Stattdessen habe ich vor Ort im Studio Textstellen vorgegeben bekommen, musste sie ohne grosse Vorbereitung interpretieren und das richtige Gefühl vermitteln. Die Originalstimme wird mir über Kopfhörer vorgespielt, dann wird meine Stimme separat aufgenommen. Damit das bewegte Bild und der Ton synchronisiert werden können, muss das Timing perfekt sein, sodass der Ton zu den Bildern und den Lippenbewegungen der Figur passt.

Anfangs habe ich versucht, den Timecode der Originalstimme genau zu treffen. Vor Kurzem hat mir einer der besten Tontechniker aber den Tipp gegeben, ein bis zwei Sekunden nach dem Original zu beginnen, damit ich mich bewusst an den Sprachfluss anpassen kann. Der Tontechniker kann die Spur oder Zeile dann nachträglich bearbeiten und zurückschieben. Dieser kleine Trick macht einen Riesenunterschied und hat meine Fähigkeiten als Synchronsprecherin deutlich verbessert. 

Ich spreche jede Zeile einzeln in einer Studiokabine gemeinsam mit dem Tontechniker oder einem Coach ein. Besonders am Anfang fand ich es seltsam, wenn meine Zeilen ursprünglich Teil eines Dialogs waren. Ich sollte ein Gespräch voller Gefühle und Emotionen führen, aber die Antworten im Dialog waren bereits aufgezeichnet. Manchmal war die Stimme der Figur, mit der ich ein Gespräch führe, auch noch nicht eingesprochen. In dem Fall musste ich die norwegische Synchronfassung sprechen und die Antworten kamen in der Originalsprache, also in diesem Fall auf Englisch.

Wir müssen äusserst effizient arbeiten, vor allem bei der Serie, die ich gerade spreche. Manchmal sprechen wir mehrere hundert Zeilen in ein paar Stunden ein. Wir müssen jede Menge Episoden aufzeichnen, und die Zeit ist immer sehr knapp. In den Serien, in denen ich als Synchronsprecherin mitarbeite, ist das für mich ganz natürlich geworden, denn ich habe das Gefühl, dass ich meine Figuren und ihre Persönlichkeit kenne. Ich habe ausserdem eine perfektionistische Ader, und es hat ein wenig gedauert, bis ich das überwunden hatte.

Filme und Serien in einer neuen Sprache zu vertonen bedeutet natürlich nicht einfach nur, ein Drehbuch abzulesen. Dazu gehört viel mehr. Auf welche Details musst du als Synchronsprecherin achten?

Die grösste Herausforderung bei der Aufnahme einer neuen Sprachfassung besteht darin, dass der Ton in der Zielsprache, also in meinem Fall Norwegisch, häufig ganz anders sein muss als in der Originalsprache. In meinem Fall war das ein «cooler, schräger» amerikanischer Akzent mit einer gewissen Portion Frechheit. Wir versuchen immer, die Aussprache so anzupassen, dass die neue Sprachfassung dem Originaldrehbuch gerecht wird. So probieren wir verschiedene Möglichkeiten aus, etwas zu sagen, und ändern die Übersetzung manchmal leicht, wenn wir es für nötig halten.

Weisst du, wie viele Zeilen du bei Encanto in etwa sprechen musstest, und wie lange es gedauert hat, alles aufzuzeichnen?

Dolores hat nicht so viele Zeilen, alles in allem vielleicht fünf bis zehn plus ein Lied. Es hat also nicht so lange gedauert, alles einzusprechen, vor allem nicht im Vergleich zu der Serie, an der ich jetzt arbeite. Dennoch war die Rolle für mich etwas ganz Besonderes. Schliesslich war es mein erster Auftrag als Synchronsprecherin und es war ein Disney-Film. Es ist schon richtig cool, an einem Disney-Film mitzuwirken, wenn man selbst mit Disney-Filmen aufgewachsen ist.

Du hast uns nun geschildert, wie die Voiceover-Arbeit aussieht. Welche Ratschläge würdest du jemandem geben, der in diesem Tätigkeitsfeld Fuss fassen möchte? Welche Fähigkeiten sollte man haben, und welche Tipps hast du in Bezug auf Networking und die Kontaktaufnahme zu Agenturen?

Wer glaubt, dass er ein Talent als Synchronsprecher haben könnte, hat sicherlich einen guten Grund dafür. Mir wurde beispielsweise im Laufe meines Lebens häufig gesagt, dass ich eine «beruhigende» Stimme habe, dass ich andere gut nachahmen kann und dass meine Stimme sich gut für Werbespots oder Audiobücher eignen würde. Damals habe ich das natürlich nicht ernst genommen, es war höchstens ein kleiner Traum, den ich im Hinterkopf behielt. Ich glaube, wenn man sich zu etwas hingezogen fühlt, dann ist da wahrscheinlich auch Potenzial.

Wer als Synchronsprecherin oder Synchronsprecher arbeiten will, sollte mit Voiceover-Studios Kontakt aufnehmen und Sprechproben abgeben. Wenn man jemanden in der Branche kennt, darf man sich nicht davor scheuen, sein Interesse zu erwähnen. Man weiss nie, wann sich eine Gelegenheit ergibt! Wer auf diesem Gebiet mit seiner Stimme arbeiten möchte, sollte meiner Meinung nach unbedingt Übung darin bekommen, direkt in ein Mikrofon zu sprechen oder zu singen – auch wenn es nur die Sprachaufnahmefunktion eines Mobiltelefons ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich diese Rollen – ohne vorherige Erfahrung als Synchronsprecherin – nur bekommen habe, weil ich keine Angst vor dem Mikrofon habe. Viele Menschen hören ihre eigene Stimme nicht gerne, weil sie sich in der Aufzeichnung anders anhört. Andere werden nervös oder unbehaglich, wenn sie in ein Mikrofon oder in eine Kamera sprechen müssen. Man kann noch so viel Talent haben, aber wenn man zu nervös ist, um bei der richtigen Gelegenheit einfach loszulegen und zu sprechen, kann man nicht sein volles Potenzial als Sprecher entfalten. Selbst Kleinigkeiten wie Sprachnachrichten an Freunde können eine gute Gelegenheit sein, mit der eigenen Stimme zu spielen. Mein Tipp ist, klein anzufangen und sich Fähigkeiten anzueignen, die sich später als nützlich erweisen.

Welche neuen Projekte stehen bei dir an? Würdest du in Zukunft gerne mehr als Synchronsprecherin arbeiten?

Ich habe vor Kurzem eine Live-Musikserie namens «Mirage Sessions» auf YouTube veröffentlicht und arbeite momentan an meiner nächsten Single. Gleichzeitig nehme ich die Synchronfassung von zwei neuen Serien auf. Ausserdem arbeite ich in Vollzeit in der Studierendenberatung am Oslo New University College. Tagsüber bin ich also mit Büroarbeit beschäftigt, abends mit Synchronsprechen und am Wochenende mit Konzerten und Arbeit im Studio. Es ist sehr schwierig und zeitaufwendig, mehrere Karrieren unter einen Hut zu bringen. Deshalb versuche ich momentan, die Zahl der Projekte, an denen ich beteiligt bin, zu reduzieren. Leider musste ich deswegen einige Aufträge als Synchronsprecherin ablehnen. Die Entscheidung fiel mir sehr schwer. Im Rückblick war sie aber richtig. Die Hauptfigur in zwei Serien zu synchronisieren ist nicht nur eine Riesenchance und ein toller Nebenjob, sondern auch eine Verantwortung, die ich sehr ernst nehme. An meiner Arbeit als Synchronsprecherin liebe ich am meisten, dass ich als afrikanischstämmige Person dazu beitrage, die Sicht darauf zu ändern, wie «People of Colour» in den Medien dargestellt werden.

Die Figuren, denen ich meine Stimme leihe, erinnern mich sehr an mich selbst. Dolores hat eine raue, tiefe Stimme, ganz anders als die hübschen Disney-Prinzessinnen, die ich als Kind im Fernsehen gesehen habe und die alle mit hoher Stimme singen, während ihr Haar im Wind weht. Für mich war es ganz natürlich, Dolores’ Lied zu singen und ihre Wahrheit auszusprechen. Dabei fühlte ich mich ganz zu Hause. Eine der Figuren, die ich momentan spreche, ist eine Sängerin und Songwriterin wie ich selbst. Sie hat grosse Träume und ein grosses Herz. Ausserdem sind ihre wunderschönen Haare zu Braids geflochten, genau wie auch meine Haare im Moment. Auch hat sie eine wunderbare, komplexe Persönlichkeit, die stark und verletzlich zugleich ist. Die andere Figur, die ich gerade spreche, ist eine junge Rapperin mit einem grossen Afro. Genauso sehe ich auch aus, wenn meine Haare nicht gerade geflochten sind. Sie hat ebenfalls eine wichtige Stimme und nutzt sie, um kreativ zu sein, während sie versucht, die Welt um sich herum zu verstehen. Diese Kinderserien haben sich als tiefgründiger herausgestellt, als ich vorher dachte. Für mich ist es etwas ganz Besonderes, von diesen Figuren und durch sie zu lernen. Diese Serien verändern die Medien und sorgen dafür, dass dort eine breitere Palette von Menschen repräsentiert sind. Genau das hätte ich als Kind gebraucht.

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